Ethnologie / Bestickter Vorhang für Frau Missionarin Schultze
Der Vorhang besteht aus zwei Bereichen. Jeder Bereich ist durch ein Band mit gewebten Mustern aus Mäandern und stilisierten Blumen getrennt. Der obere Bereich besteht aus grüner Seide. Darauf befindet sich eine Stickerei mit verschiedenen Motiven, die Fledermäuse, Wolken in Ruyi-Form, Endlosknoten, Münzmuster, Schmetterlinge und stilisierte Blüten darstellen. Die Fledermäuse, chinesisch (bianfu蝙蝠), sind im Chinesischen gleichlautend mit bianfu 变福, «sich in Glück verwandeln». Sprachliche Konnotationen dieser Art finden sich sehr häufig im Chinesischen, sodass eine bestimmte Abbildung auf Grund ihrer Aussprache eine andere sprachliche Bedeutung erhält. Eine Fledermaus mit dem Kopf nach unten (daofu), wie man hier in der Darstellung sehen kann, impliziert daher im Chinesischen auch die Bedeutung (daofu 倒蝠), «das Glück ist gekommen». Die Wolke in Ruyi‐Form (ruyi 如意) ist ein verbreitetes künstlerisches Motiv. Ruyi ist ein berühmtes Glückssymbol mit der Bedeutung, dass sich alle Wünsche erfüllen werden. Der «Endlosknoten» (panchang wen 盤長紋) ist der achte der acht buddhistischen Schätze und symbolisiert ununterbrochene Wiederholung und Kontinuität. Der Endlosknoten, auch Glücksknoten genannt, war ursprünglich ein buddhistisches Ritualgerät. Da die Form des Knotens weder Anfang noch Ende aufweist, symbolisiert er die Endlosigkeit des Buddhismus und steht für Ewigkeit und Unendlichkeit. Im Buddhismus wird dieses Symbol als Zeichen für Würde und Glück verwendet und findet sich häufig als Verzierung auf der Brust Buddhas als Sinnbild seiner Wirkmächtigkeit. In der Volkskultur findet sich dieses Muster häufig auf verschiedenen Gegenständen, ähnlich wie das Schriftzeichen «shou» (壽 Langlebigkeit). Da der Endlosknoten für Unendlichkeit steht, leitet die Volkskultur daraus den Wunsch nach Wohlstand, Nachkommenschaft und Glück für alle Generationen ab. Das «Münzmuster» besteht aus einem äusseren Kreis und einem inneren Quadrat. Der äussere Kreis symbolisiert den Himmel, das innere Quadrat die Erde. Die Abbildung entspricht einer alten chinesischen Münze, die im inneren ein quadratisches Loch besass, sodass die Münzen auf eine Schnur gefädelt werden konnten. Die Form der Münze entspricht somit alten weltanschaulichen Vorstellungen, wonach der Himmel rund und die Erde quadratisch verstanden wurde. Das «Schmetterlingsmuster» ist ein wichtiger Bestandteil traditioneller chinesischer Ornamente. Es findet breite Anwendung auf Textilien, auf Porzellan und auf verschiedenen Alltagsgegenständen in der Bedeutung von Liebe und Glück mit zahlreichen Kindern. Der untere Bereich des bestickten Vorhangs besteht aus roter Seide. Die Stickereien stellen zwei Phönixe und eine Päonie dar. Das Phönix-Motiv ist ein traditionelles chinesisches Dekorationsmuster. Es wird häufig mit Blumen wie Päonien kombiniert und bildet so das klassische Muster «fengchuan mudan» (鳳穿牡丹 Phönixe fliegen durch Päonien). Das Phönixmuster symbolisiert Glück und Wohlstand und steht für die Abwehr von Unheil und Unglück sowie für anhaltendes Glück. Als König der Vögel nimmt der sagenhafte Phönix der chinesischen Mythologie eine herausragende Stellung ein und verkörpert die Sehnsucht der Menschen nach einem guten Leben und hohen moralischen Werten. Päonien (Mudan 牡丹) zählen zu den beliebtesten botanischen Motiven in der chinesischen Kunst. Die Päonie symbolisiert Macht und Reichtum (Fugui hua 富貴花). Seit der Tang-Dynastie (618–907) ist die Päonie sehr beliebt und gilt als Symbol für Wohlstand, Glück und Zufriedenheit. Vorhänge dieser Art wurden im alten China in unterschiedlicher Grösse häufig zu Feierlichkeiten, wie Hochzeiten, Geburtstagen, Neujahrsfesten etc. verwendet. Sie galten als wertvolles Geschenk, das dekorativ für Betten, Tische oder an Türen Verwendung fand.
Herkunft: Asien, China, Guangdong, Meizhou, Meixian
Datierung: 1902
Material: Seide bestickt (Silberfaden), gefüttert, Applikationen (Spiegelglasplättchen), Gelbmetallkügelchen
Inventarnummer: VK B
0249
Provenienz:
- 1902: Otto Schultze (25.03.1857-23.03.1930), Sammler/in, Schenkung, China, Meizhou
- 20.12.1917: Kulturmuseum St. Gallen, Schenkung
- 12.04.1906: Ostschweizerische Geographisch-Commercielle Gesellschaft, Ankauf