Geschichte / Kamelerker, Mittelfries des Erker Haus zum Kamel
Im Stickereiboom und erst recht danach wurden in der Stadt St.Gallen viele Gebäude abgebrochen. Von diesen Abbrüchen gelangten gelegentlich Bauteile in unser Museum, Bauteile, die man als besonders interessant oder wertvoll betrachtete. Zu den beeindruckendsten Beispielen gehört der Mittelfries des Kamel-Erkers. Der Erker am Haus Marktgasse 22 galt als Zierde dieser Gasse und war das reichste Stück seiner Art im alten St.Gallen. Der untere Teil wurde 1673 gebaut, der obere 1720. Das Haus selber ist älter. Seine wechselvolle Geschichte lässt sich fast lückenlos bis ins Jahr 1435 zurückverfolgen. Zum Namen «Kamel» kam das Haus vermutlich zwischen 1655 und 1673 durch die Handelsfamilie der Zollikofer. Über die Gründe für diese Namenswahl kann man nur spekulieren. Die Zollikofer kannten das Tier sicher aus bildlichen Darstellungen und aus Büchern – zum Beispiel der Bibel. Hatten sie einfach Freude an diesem exotischen Tier? Oder wollten sie damit ihre Weltläufigkeit demonstrieren? Dass sie selber auf ihren Reisen echte Kamele gesehen hatten, ist nicht ausgeschlossen. Und: Für die 1670er-Jahren ist sogar der Besuch eines Kamels in St.Gallen belegt, das von einem durchreisenden Schausteller gezeigt wurde. 1919 wurde das Haus zum Kamel dann abgebrochen. Der Erker wurde im «Kaufhaus», dem heutigen Waaghaus, verstaut und kam später auf den Dachboden des Schulhauses Talhof. 1986 wurde der Grossteil mit Ausnahme des Mittelfrieses am Haus Spisergasse 22 eingebaut. pm
Herkunft: Europa, Schweiz, St. Gallen, Obere Marktgasse
Datierung: 1720
Material: Holz, geschnitzt
Masse: H 93 x B 260 cm
Inventarnummer: G 2012.111
Provenienz:
- 1986: Stadt St. Gallen Hochbauamt, Leihgabe
- Kulturmuseum St. Gallen